{"id":3352,"date":"2025-07-10T17:32:39","date_gmt":"2025-07-10T17:32:39","guid":{"rendered":"https:\/\/elisagratias.com\/propuesta\/?p=3352"},"modified":"2025-09-11T14:27:50","modified_gmt":"2025-09-11T14:27:50","slug":"wir-brauchen-selbstreflektierte-journalisten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/elisagratias.com\/es\/2025\/07\/10\/wir-brauchen-selbstreflektierte-journalisten\/","title":{"rendered":"WIR BRAUCHEN SELBSTREFLEKTIERTE JOURNALISTEN"},"content":{"rendered":"\r\n<p>\u201eZu intelligent, um gl\u00fccklich zu sein\u201c ist ein Buch, das mir half, mich selbst besser zu verstehen. Es besteht der Verdacht, dass tats\u00e4chlich das exzessive Denken verantwortlich f\u00fcr meine melancholische Grundstimmung ist. Seit ein paar Jahren lerne ich nach und nach, anders zu denken. \u201eTreffen sich zwei, einer kommt nicht\u201c, ist mein Lieblingswitz. Erst heute entdecke ich, dass er eine Art Koan ist und mein Lebensgef\u00fchl in unserer modernen Konsumwelt zum Ausdruck bringt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ich wurde 1983 in der DDR geboren und wanderte auf der Suche nach dem Geheimnis des Lebens mit 22 Jahren allein nach Frankreich aus. Inzwischen lebe ich seit \u00fcber zehn Jahren auf Mallorca. Ich habe drei Fremdsprachen von Null auf gelernt und spreche sie inzwischen flie\u00dfend. Ich rede viel und schnell. Manchmal h\u00e4ngen die Leute an meinen Lippen, stellen weitere Fragen oder debattieren mit mir, was ich liebe. Manchmal schweift ihr Blick ab und sie werden m\u00fcde. \u201eDu bist anstrengend\u201c, sagen sie dann. Mein Lieblingsnachtisch ist Coulant au Chocolat, ein kleines Schokok\u00fcchlein, das au\u00dfen leicht knusprig und innen noch fl\u00fcssig ist \u2013 einer der Gr\u00fcnde, warum ich nach Frankreich auswanderte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><em>Manova<\/em>\u00a0brachte mich nach Hause. Zur\u00fcck zu meiner Muttersprache. Als ich\u00a0<em>Manova<\/em>\u00a0kennenlernte, war sie noch m\u00e4nnlich und hie\u00df\u00a0<em>Rubikon<\/em>. Ein deutsches Online-Magazin, das sich vor allem der Ideologie-, Herrschafts- und Medienkritik verschrieben hat. Den Namen mussten wir wegen der Nutzungsrechte \u00e4ndern, das Team ist dasselbe geblieben. Und die Arbeit in diesem Team schenkt meinem Leben inzwischen seit fast genau sieben Jahren Sinn und Gemeinschaft \u2013 zwei Anker, die mir bis dahin fehlten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Unser Magazin ist im deutschsprachigen Raum einzigartig, weil wir unsere Werte nicht nur theoretisch beschreiben, sondern selbst leben. Bei uns darf jeder seine Stimme einbringen.\u00a0<em>Manova<\/em>\u00a0vereint nicht nur ein kleines Team aus idealistischen Redakteuren, Lektorinnen, \u00dcbersetzerinnen und Programmierern, sondern inzwischen auch 1.144 \u201eengagierte Autorinnen und Autoren verschiedenster Couleur: vom Profijournalisten \u00fcber Sch\u00fcler bis hin zu Krankenpflegern und Anw\u00e4ltinnen. Wir setzen auf Vielfalt statt auf Machtkonzentration, auf Kooperation statt auf Konkurrenz\u201c.\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Was uns ebenfalls auszeichnet: Wir wollen, dass alle Menschen Zugang zu Information haben, sodass unsere Beitr\u00e4ge von allen kostenlos und ohne irgendein Konto anlegen zu m\u00fcssen, gelesen werden k\u00f6nnen. Wir nutzen keine Cookies und schalten keine Werbung. Unsere Arbeit finanzieren wir nur durch die Spenden unserer Leser, die es sich leisten k\u00f6nnen. Es begeistert mich immer wieder aufs Neue, dass das funktioniert. Es zeigt, dass ein anderes Wirtschaftsmodell m\u00f6glich ist.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ich kam durch eine Kritik zum Projekt dazu: Eines Tages schickte mein Onkel mir den Link zu\u00a0<em>Rubikon<\/em>. All die investigativen und aufkl\u00e4renden Artikel \u00fcber die Fassadendemokratie, die manipulative Berichterstattung der Leitmedien und die Macht des milit\u00e4risch-industriellen und digital-finanziellen\u00a0Komplexes faszinierten und entmutigten mich gleicherma\u00dfen. Meine Frage war: Was machen wir mit diesen Informationen?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ich schrieb dem damaligen Herausgeber eine E-Mail mit Lob f\u00fcr die Aufkl\u00e4rung und Kritik f\u00fcr den Mangel an Perspektiven. Seine Antwort: \u201eSchreib doch selbst etwas dazu.\u201c Ich nahm das Angebot an und mein erster Artikel erschien: \u201e<a href=\"https:\/\/www.manova.news\/artikel\/trotz-alledem-2\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Trotz alledem! Ein L\u00f6sungsvorschlag f\u00fcr einen gesunden Umgang mit Chaos und der Nachrichtenflut.<\/a>\u201c (1) Andere Autorinnen mit einem konstruktiven Ansatz schlossen sich mit mir zusammen und wir gr\u00fcndeten eine Teilredaktion f\u00fcr\u00a0<a href=\"https:\/\/www.manova.news\/artikel\/der-realismus-der-hoffenden\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">mutmachende Beitr\u00e4ge<\/a>\u00a0(2), die ich seitdem leite.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>So entwickelte sich nun unser Medienangebot mit drei Schwerpunkten:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><em>\u201eUnser Schwerpunkt Nr. 1: Ideologie-, Herrschafts- und Medienkritik. (\u2026)<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><em>Unser Schwerpunkt Nr. 2: Debattenkultur. Klima, Feminismus, Gendern \u2026 Trigger-Themen brauchen Austausch und Gespr\u00e4che auf Augenh\u00f6he. In unserer Kolumne \u201eDebattenraum\u201c stehen sich fundiert argumentierte Positionen einzelner Autorinnen und Autoren gegen\u00fcber. Denn Demokratie lebt von Meinungsvielfalt \u2013 seit den Corona-Ma\u00dfnahmen wissen wir, wie schwer diese auszuhalten ist. Wer hat gesagt, dass Demokratie einfach ist? Nehmen wir die Herausforderung an!<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><em>Unser Schwerpunkt Nr. 3: neue Wege und Zuversicht. Wozu all die Aufkl\u00e4rung und Kritik, wenn wir am Ende in einem Gef\u00fchl der Hilflosigkeit verharren? Wir k\u00f6nnen viel bewegen, und viele Menschen bewegen bereits viel. Wir machen sie sichtbar, damit andere es ihnen nachmachen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Mir f\u00e4llt es schwer, an Auswege zu glauben, die nicht in eine Katastrophe f\u00fchren. Das ist mein Hauptantrieb f\u00fcr meine Arbeit, meine Sehnsucht nach Zuversicht. Die Projekte und Menschen zu finden, die bereits andere Lebensweisen ausprobieren. So entdeckte ich zum Beispiel das Friedensforschungszentrum Tamera in S\u00fcdportugal, die Friedensgemeinde von San Jos\u00e9 in Kolumbien, das Graswurzelprojekt um den indischen Wassergandhi Rajendra Singh und die Demokratische Selbstverwaltung in Nord- und Ostsyrien, auch Rojava genannt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>All diese Experimente f\u00fcr eine andere Welt inspirieren mich und l\u00f6sen gleichzeitig immer wieder Zweifel aus. Ich lese B\u00fccher, versuche zu verstehen, welche Umst\u00e4nde in diesen Gegenden herrschen, die solche Unterfangen dort erm\u00f6glichen. Ich beobachte meine Angst, dass sie scheitern k\u00f6nnten, und kam nun zu dem Schluss, dass meine Zuversicht nicht davon abh\u00e4ngig sein darf.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Und genau daran arbeite ich: An einem Journalismus, der in den Lesern den Muskel der Zuversicht st\u00e4rkt und nicht st\u00e4ndig unbewusste \u00c4ngste triggert. Viele Journalisten sind sich wohl gar nicht bewusst, welche Macht sie haben und wie sehr sie die Gedanken und somit das Handeln ihrer Leser oder Zuschauerinnen beeinflussen. Und wie oft sie ihre eigene Wahrnehmung mit einer objektiven Wirklichkeit verwechseln. Ich \u00fcbe auch immer wieder Selbstkritik an unserer Arbeit, denn wir verbreiten auch Angst. Ich w\u00fcnsche mir Selbstreflexion auch bei unseren Autoren. Die \u00dcberlegung, was sie mit ihren Texten erreichen wollen oder zumindest das Bewusstsein daf\u00fcr, was ihr Text in den Lesern ausl\u00f6st.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Nat\u00fcrlich bleibt die Frage: Wie k\u00f6nnen wir auf gef\u00e4hrliche Entwicklungen aufmerksam machen, ohne \u00c4ngste zu sch\u00fcren? Ich habe keine Antwort darauf. Ich kann andere Menschen nicht \u00e4ndern und somit komme ich immer wieder zum selben Fazit: Nur ich selbst kann den Journalismus so umsetzen, wie\u00a0<em>ich<\/em>\u00a0ihn mir w\u00fcnsche, und da bin ich als Mitherausgeberin und Redakteurin bei\u00a0<em>Manova<\/em>\u00a0genau richtig.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Unsere Leserzahlen sind relativ stabil und wir fragen uns immer wieder, wie wir mehr Menschen erreichen k\u00f6nnen. Schreiben wir am Ende nur f\u00fcr Leser, die sowieso schon so denken wie unsere Autoren oder k\u00f6nnen wir auch informationsblasen\u00fcbergreifend Br\u00fccken bauen? Diese Fragen besch\u00e4ftigen uns immer wieder. Manchmal schreiben uns Menschen w\u00fctend, wenn sie einen Artikel bei uns finden, der nicht ihrer Meinung entspricht. Da kam uns die Idee zu unserem\u00a0<a href=\"https:\/\/www.manova.news\/debatten\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Debattenraum<\/a>\u00a0(3). Wir laden sie dann ein, eine Replik zu schreiben, und sich mit den Argumenten, die sie so w\u00fctend machen, auseinanderzusetzen, anstatt sie canceln zu wollen. Die Freude am respektvollen Diskutieren! Welch eine M\u00f6glichkeit zur Selbsterkenntnis! Und so k\u00f6nnen Leser auch verschiedene Standpunkte zu einem Thema nebeneinander im selben Medium finden:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><em>\u201eNiemand kann die ganze Wahrheit f\u00fcr sich in Anspruch nehmen. Wer dies behauptet, wird dogmatisch und unflexibel, behindert den Wahrheitsfindungsprozess eher, als dass er ihn f\u00f6rdert. \u201aZusammen sind wir kl\u00fcger\u2018 \u2013 m\u00f6gliche Schwachstellen des anderen k\u00f6nnen ausgeglichen, scheinbare Gegens\u00e4tze k\u00f6nnen gegeneinander abgewogen, verstrittene Lager zusammengef\u00fchrt werden. Dies geschieht jedoch nicht durch einen verordneten Kompromiss, sondern durch einen lebendigen Dialog und eine gewisse weltanschauliche Bandbreite. Der\u00a0<\/em>Manova<em>\u00a0Debattenraum ist ein Forum, das verschiedene Positionen zu einem Thema einander gegen\u00fcberstellt und dadurch Orientierung beim Finden des eigenen Standpunkts bietet.\u201c<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Mein Traum ist, dass\u00a0<em>Manova<\/em>\u00a0sich noch mehr etabliert, mehr Leser und Autorinnen sich zum Debattieren berufen f\u00fchlen, wir zum Nachdenken anregen. Dass unsere Leserinnen so begeistert sind, dass sie uns weiterempfehlen. Manchmal ist es frustrierend, so viel Arbeit in einen Artikel zu stecken, ihn zu ver\u00f6ffentlichen und schnell hinter neuen Texten nach unten rutschen zu sehen. Wir kritisieren die Informationsflut und tragen selbst dazu bei, um die Monokultur der Leitmedien etwas vielf\u00e4ltiger zu machen, auf dass der Boden des Bewusstseins bei den Menschen fruchtbar bleibt und eigene Gedanken aus ihm erwachsen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>M\u00f6ge\u00a0<em>Manova<\/em>\u00a0dazu beitragen. Ich bedanke mich bei all unseren Unterst\u00fctzern daf\u00fcr, dass sie uns lesen und vielleicht sogar spenden. Gemeinsam erschaffen wir ein Medium nach unserem Anspruch und gehen einen ersten Schritt in Richtung Selbsterm\u00e4chtigung.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eZu intelligent, um gl\u00fccklich zu sein\u201c ist ein Buch, das mir half, mich selbst besser zu verstehen. Es besteht der Verdacht, dass tats\u00e4chlich das exzessive Denken verantwortlich f\u00fcr meine melancholische Grundstimmung ist. Seit ein paar Jahren lerne ich nach und nach, anders zu denken. \u201eTreffen sich zwei, einer kommt nicht\u201c,<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":4073,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"footnotes":""},"categories":[64],"tags":[],"class_list":["post-3352","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-textos"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/elisagratias.com\/es\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3352","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/elisagratias.com\/es\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/elisagratias.com\/es\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/elisagratias.com\/es\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/elisagratias.com\/es\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3352"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/elisagratias.com\/es\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3352\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4074,"href":"https:\/\/elisagratias.com\/es\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3352\/revisions\/4074"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/elisagratias.com\/es\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4073"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/elisagratias.com\/es\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3352"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/elisagratias.com\/es\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3352"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/elisagratias.com\/es\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3352"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}